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Mäeutisches Pflege- und Betreuungsmodell

Die Termini Mäeutik (Hebammenkunst) und mäeutisch (erlösend oder befreiend) leiten sich von der Methode ab, die Sokrates im Gespräch mit seinen Schülern anwandte. Pflegende brauchen Begriffe, mit denen sie ihre intuitiven Fähigkeiten in Worte fassen können und eine gemeinsame Sprache, die ihren Erfahrungsbereich öffnet. Mäeutik in der Pflege steht für einen Prozess des Bewusstwerdens. Was es zu «erlösen» gilt, ist die bewusste Pflegequalität, insbesondere auf der Beziehungsebene und in der Erlebenswelt der Bewohner und Pflegenden. 
Das Mäeutische Modell basiert auf den Talenten und Fähigkeiten, die wohl bereits in den Pflegekräften vorhanden sind, derer sie sich jedoch noch nicht hinreichend bewusst sind. Professionelle Pflegequalität ist ein Kennzeichen zivilisierter Gesellschaften und erstreckt sich keinesfalls nur auf das Handeln, sondern vor allem auch auf das Sein. Cora van der Kooij (2001) definiert Professionalität als «authentisches und kreatives Wahrnehmen, Reagieren und, wenn nötig, Handeln und sich danach entsprechend zu verantworten.»

Menschenbild

Das Menschenbild in der Mäeutik basiert nicht so sehr auf dem gesunden Menschen als Normalität, den es durch Pflege wieder herzustellen gilt, sondern sieht den Menschen (insbesondere den pflegebedürftigen Menschen) als eine verletzliche Person, die es gilt zu begleiten, zu stützen.

Im Mäeutischen Pflege- und Betreuungsmodell wird viel Wert auf die Lebensgeschichte gelegt und die Biografiearbeit ist ein fester Bestandteil, aber der Ausgangspunkt beispielsweise beim Kennenlernen eines neuen Bewohnenden ist sein Dasein und sein Erleben im Hier und Jetzt.  Denn das Hier und Jetzt bildet seine derzeitige Wirklichkeit, die ihn nicht selten ganz neu herausfordert. Situationen, in der Verluste eine Rolle spielen und in der Bewohner und Bewohnerinnen ein neues Gleichgewicht finden müssen.

Erlebensorientierte Pflege und Betreuung

Für dieses Modell wird auch synonym der Begriff «Erlebensorientierte Pflege und Bereuung» benutzt, da es auf drei Erlebenswelten basiert: der des Bewohnenden, seinen Angehörigen und Bezugspersonen und der des Mitarbeitenden. Zu diesen Erlebenswelten liegen aus Erfahrung und Forschung basierende Einsichten und Kenntnisse vor. Die «erlebensorientierte Pflege und Betreuung» integriert inhaltliche Werte, Fachwissen, kommunikativen Fertigkeiten und erlebensorientierte Konzepte. Die Pflegenden werden gezielt darin geschult, Kontakte und Beziehungen bewusst zu erfahren und als wesentlichen Teil ihrer Arbeit wertzuschätzen. Erlebensorientiert pflegen und betreuen heisst: sich einfühlen, sich in die Erlebenswelt des Bewohners, seinen Angehörigen und Bezugspersonen hineinversetzen und dementsprechend zu reagieren. Der Kern der erlebensorientierten Pflege ist das Herstellen von Kontakt. Wirklicher Kontakt hat eine gefühlsmässige Ladung und löst eine Wechselwirkung aus, die sowohl der Bewohner, die Angehörigen und Bezugspersonen als auch die Pflegenden als angenehm erfährt.

Um positive Kontaktmomente zustande zu bringen, lässt sich die Pflegende/Betreuende auf einen «empathischen Suchprozess» ein. Beim «Suchenden Reagieren» schöpft sie aus allen ihr zur Verfügung stehenden erlebensorientierten Konzepten und Fertigkeiten. Sie wartet aufmerksam auf den Zeitpunkt, in dem sie den «besonderen Moment», in dem sie weiss: Das ist es! Sie kann beschliessen, im Kummer oder Ärger des Bewohnenden «mitzugehen», kann ihn hierin aber auch begrenzen. Autorität kann, sofern sie mit Zuwendung und Respekt eingesetzt wird, durchaus Geborgenheit vermitteln. Die grosse Kunst ist, den Bewohner nicht zu «verlieren», wenn er in seine eigene Welt eintaucht, sondern mit ihm in Kontakt zu bleiben.

Mäeutik bietet für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Bereichen der Pflege, Betreuung aus der Aktivierung und Alltagsgestaltung eine Sprache, Begrifflichkeiten und methodische Instrumente für empathische Präsenz und Professionalität.

Integrierbarkeit anderer Konzepte/Ansätze

In der Praxis kommen sehr viele verschiedene pflegerisch-therapeutische Konzepte zur Anwendung. Personenzentrierter Ansatz, Kinästhetik, basale Stimulation, Aromapflege, (integrative) Validation sowie Palliative Care und weitere gewährleisten und verbessern das Wohlbefinden der Bewohneden und sind in das mäeutische Pflege- und Betreuungsmodell integrierbar.